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Ein Sonntag an der Loire

Fotos von oben nach unten und von li nach re:

Foto 1: St. Nicolas in der Altstadt von Saumur. Foto 2: St. Genulf in Le Thoureil. Foto 3: Madonna in St. Genulf, Le Thoureil. Foto 4: Plakat zur fortlaufenden Aktion/Ausstellung "Der vergängliche Eremit" in der Einsiedelei von St. Jean. Foto 5: Durchgang der Einsiedelei von St. Jean. Foto 5: Arbeitsplatz des Künstlers Paul Tieman in der ehemaligen Kapelle der Einsiedelei. Foto 6: Paul Tieman erklärt an der einzigen "Heizung" der Einsiedelei Sinn und Zweck der Aktion/Ausstellung "Der vergängliche Eremit".

Morgens um 10:00 Uhr war ich knapp, aber noch pünktlich zur Messe in der St. Nicolas Kirche in Saumur. Eigentlich war ich pünktlich los gefahren, wusste auch von einer gesperrten Straße in St. Hilaire-sur-Florent (geschätzte 5 Minuten extra), aber dass genau an diesem Tag auch noch die Läufer unterwegs sein würden, das war mir nicht bekannt. Mit anderen Worten, ich kam nur über Umwege zum Ziel. Da ich mich in Saumur auskenne und der Kirchturm von St. Nicolas weithin sichtbar ist, fand ich die Kirche noch rechtzeitig. Ein letzter Parkplatz auf dem Kirchenvorplatz schien wie reserviert. Ich sprang aus dem Auto, gab Bonzo, den ich dabei hatte, damit Edda ihre Ruhe hat, die Anweisung sich abzulegen, und ging dann zum Kircheneingang. Ich war ziemlich erstaunt zu sehen, wie voll die Kirche war. Es war zwar Beginn der Fastenzeit, aber damit hatte ich nicht gerechnet, denn Frankreich gilt doch mittlerweile als sehr säkular eingestellt.

Und es waren alle Generationen vertreten.

Für mich war es die erste Messe auf französisch. Durch meine ,mehrjährige Tätigkeit bei einem römisch-katholischen Arbeitgeber kannte ich die Liturgie und wusste, wann welches Gebet gemeint ist. Ich selbst stamme ja aus einer gemischt-konfessionellen Familie. Meine Großeltern väterlicherseits waren "sehr katholisch", ohne wirklich die Hintergründe dieser Religiosität zu verstehen - würde ich behaupten wollen. Ich selbst hatte Evangelische Theologie auf Pfarramt studiert. Bereits zu Beginn des Studiums war für mich klar, dass die Religions- und Kirchengeschichte mein Steckenpferd werden würden. Und die Mystik mit Theresa von Avila und Johannes vom Kreuz schnell mein Interesse geweckt.

Natürlich gibt es an den Kirchen viel zu kritisieren, aber ich finde sie bieten auch einen großen Reichtum an Spiritualität.

Mich haben zum Beispiel die Schweigeexerzitien im Benediktinerkloster Sankt Ottilien (Bayern) nachhaltig beeindruckt und auch in meinem eigenen Weg bestärkt. So war mir auch der Reisesegen von Pater Klaus aus Sankt Ottilien sehr wichtig und wertvoll. Dies umso mehr, als er sicj auch auf meine vierbeinigen Weggefährten erstreckte. Pater Klaus gehört zu den Geistlichen, die auch der Tierwelt ihren Platz als Geschöpfe Gottes zugesteht.

 

Nach der Messer holte ich Bonzo aus dem Auto und wir gingen einen Croissant mit Espresso essen/trinken. Auf dem Weg dorthin sah ich, dass das direkt an St. Nicolas angrenzende Sträßchen "Rue de la Monnaie" ("Straße des Geldes") heißt. Das fand ich interessant, hatte bislang aber noch nicht die Gelegenheit in Erfahrung zu bringen, warum ausgerechnet diese Straße so heißt.

 

Von Saumur aus sind wir die Loire hinauf gefahren Richtung Angers, haben sie bei Les Rosiers-sur-Loire überquert und sind dann noch ein paar Kilometer eine etwas bucklige Straße ( der Straßenbelag müsste dringend erneuert werden) bis nach Le Thoureil gefahren. Ein qweitreres Minidorf mit schönen historischen Häusern. In der warmen Jahreszeit blühen dort Malven und Rosen. Und man kann auch Wasserski fahren. Leider ist das Wetter gerade nicht freundlich. Da bleibt immerhin noch der Besuch in der alten Dorfkirche St. Genulf. Es ist eine "offene Kirche". Man kann tagsüber jederzeit hin auf Knopfdruck. Was mit an dieser kleinen, etwa 800 Jahre alten Kirche so gut gefällt ist ihre einfache Gestaltung und die gewölbte Holzdecke. Sie ist für eine Kirche fast gemütlich.

 

Am Nachmittag bin ich an der Einsiedelei von St. Jean (nur 1 Minute Fußweg von meiner Bleibe entfernt) mit dem niederländischen Architekten und Künstler Paul Tiemann verabredet. Es ist das erste Mal in den zwölf Jahren, die ich immer wieder hier gewesen bin, dass ich in das Innere der noch stehenden Gebäude hinein kann. Der Rest besteht ja nur aus Ruinen.

 

Paul Tiemann ist mit seiner Frau vor rund fünf Jahren in die Gegend gezogen und hat sich seit längerem um eine Wiederbelebung der ehemaligen Einsiedelei bemüht. Ob seine Ausstellung von den Einheimischen verstanden wird, weiß ich nicht5. Ihm geht es darum die Vergänglichkeit zu zeigen, Und dass alles weiter geht, wenn auch anders als zuvor. Deshalb hat er die halb zerstörten Fresken in den Überresten der alten Kapelle belassen wie sie sind. Stattdessen erstellt er filigran gestaltete Holzkonstruktionen und integriert sie in das alte Gemäuer. Ihm scheint nicht so kalt zu sein wie mir. Im T-Shirt steht er am offenen Kamin des restaurierten Haupthauses und erzählt, während ich im dicken Pullover, Weste und Schal vor mich hin schnattere.

 

Eine Frage, die ich schon sehr lange hatte, die mir aber niemand bislang beantworten konnte,  klärte sich im Gespräch mit Paul Tiemann auf: die Gebäudeansammlung heißt zwar Einsiedelei, aber das ist mehr Legende als Wahrheit. Von der Größe und Aufteilung erinnert der Komplex eher an ein Minikloster für bis zu sechs Personen. So wird es auch eher gewesen sein. Außerdem hat es den kleinen Weiler St. Jean schon immer gegeben. Bekanntlich also auch ein paar Einwohner. Zwischen denen und den Bewohnern der "Einsiedelei" gab es rege Kontakte, auch Austausch von Know-how and Dingen, die man zum täglich Leben braucht.

 

Da platzte also ein bisschen so etwas wie eine idealisierte Vorstellung von diesem Art. Dennoch ist eines klar: die Einsiedelei zieht Menschen an. Sie suchen die dortige Ruhe, die Verbindung zum Gestern und finden ein bisschen mehr zu sich selbst. So ist es auch mir gegangen, und ich habe den kleinen, verwunschenen Ort während meiner fast zwei Wochen im Pays de la Loire fast täglich aufgesucht.